Ein Marathon zum tiefsten Punkt der Erde. Klasse. Aber wie ist das denn? Da wird die Luft doch nicht dicker sein? Also eher mehr Sauerstoff als sonst?
Durch Zufall erfahr ich vom Dead Sea Ultra Marathon in Jordanien. Mittlerer Osten. Hitze. Wüste. Rechts Irak, oben der Libanon und Syrien. Rumpelkammern.
Ein Abenteuer beginnend 1000 Meter überm Meer 48,7 Kilometer lang bis 400 Meter unter Meeresniveau.
Es ist Januar. Nach meinem ersten Marathon 2007 in München wollte ich eigentlich in diesem meinen zweiten in Freiburg laufen. Nach den 3 Stunden 36 Minuten in der bayrischen Landeshauptstadt
war mein Ehrgeiz endgültig gepackt. Ich wurde zu einem sehr fleißigen Läufer in den folgenden finsteren Monaten. Mittagspausen ausgedehnt, Ehefrau strapaziert. An etlichen, aus
Trainingsgründen, 10 Kilometer-Läufen partizipiert. Und es ging besser und besser.
Im März lief ich die 10.000 Meter in 39 Minuten. Und wog statt 91 Kg nur noch 75. Mein Körperchen erinnerte sich wohl an die lange vergangene Zeit des Radsports. Servus, hallo ich bins!
In Süd-Baden kann man immer laufen.
Also entschied ich mich für die Reise nach Jordanien.
Ich informiere mich. Das Land ist politisch stabil. Ich bin beruhigt.
Übers Internet buche ich für 4 Tage ein Hotel in der Hauptstadt Amman wo auch der Start sein sollte. Gepackt ist schnell, weil es dort warm sein muss. Es hat da warm zu sein. Ich hatte
ja schließlich 4 Monate bei Frost und Schnee trainiert.
2 Tage vor dem Start zum 15. Dead Sea Ultra Marathon komm ich nach 7 Stunden Flug mit Zwischenstopp Istanbul spät in der Nacht in Amman an. Und damit beginnt meine 4 tägige,
leidenschaftliche Kurzkarriere zum besten Taxipassagier. Taxifahren in Amman ist billig, alle fahren Taxi, jedes vierte Auto ist eines. „Mister do you visit Amman and beautiful Dead
Sea?“ - „well of course and i am especially here for running a marathon from Amman to the Dead Sea!“ – „Ahhh…are you sure Mister?“ – „yes I am. I mean i will try.“
So lass ich mich am nächsten Morgen, nach einer kurzen Nacht, in die grüne Oase Ammans fahren - Sports City ist ein großer Komplex aus Stadion, Reitanlage und 3,3 Km langem Running-Trail unter
Schattenspendenden Pinienbäumen. Ein Spinatfleck im Sandkasten. Mein Motto - die Beine nur bei Laune halten, 50 Minuten im 5:15 er Schnitt. Ich habe nun genügend Zeit Jordaniens
Metropole anzuschauen. Old Downtown, nette Cafes, nette Gespräche. Ich bin überrascht von der unaufgeregten, höflichen und unaufdringlichen Art der Menschen. Von Ägypten war ich als Tourist anderes
gewöhnt. Ich sollte nach 4 Tagen Amman zumindest ohne Teppiche wieder verlassen.
Ich trinke und esse gut - Pasta, Falafel, Reis, Kartoffelgerichte, Grilled Chicken, frozen peppermint lemonade.
Bei der Pasta Party am Vorabend des Laufs bekommen die Kohlenhydrat-Speicher schließlich den Deckel aufgesetzt. Im noblen 5-Sterne Hyatt Hotel kann ich an einem großen runden Tisch sitzend
schon einmal einen Teil des sehr internationalen Starterfelds kennen lernen.
Sarah eine 24-jährige Britin mit wilden Dreadlocks und Piercing kam nicht mit Lufthansa sondern mit dem Mountainbike durch die syrische Wüste. Simon der Fussballprofi aus Bristol , ein robuster
Kerl mit vielen Sommersprossen will ebenfalls seinen zweiten Marathon in Angriff nehmen. Juha ein Nuklearwissenschaftler aus Finnland ist ein alter Laufwolf mit grauem Nikolausbart und ist schon
zum dritten mal beim Dead Sea Lauf am Start.
Vor dem feudalen Dinner werden wir alle aufs herzlichte vom jordanischen Prinzen Raad begrüßt.
So manche weibliche Teilnehmerin dürfte enttäuscht gewesen sein – der Prinz ist keine 25 mehr, im Äußeren mehr Willy Millowitsch als Lawrence von Arabien.
Der Tag des Wettkampfs beginnt um 3 Uhr Morgens. Marathon Frühstück. Weißbrot mit Honig, 1 Liter Wasser, 2 Riegel, 2 Bananen. Das muss reichen, mehr bekomm ich nicht runter. Bin nervös.
Im Foyer des Hotels versammelt sich der Mob. Ich komm mit einem sehr netten, austrainierten und recht unscheinbaren Amerikaner ins Gespräch.
Marc kommt aus Boulder, lebt aber in Kairo und arbeitet dort als Professor der Mathematik. Mit 35 Jahren. Zu einem späteren Zeitpunkt dieses frühen Tages wird er dafür sorgen dass mein Mund einfach
offen stehen bleibt und ich ihn nicht mehr zu bekomme werde.
Shuttlebus zum Start.
Von insgesamt 2.500 Teilnehmern entscheiden sich nur 120 für die längste Distanz.
Da steh ich nun also. Kurz vor 7 Uhr.
„I ran the MARATHON DES SABLES last week“ – „you dont know the MARATHON DES SABLES?!“. Eine ziemlich aufgedrehte junge Frau versucht einem älteren Herren Ihre kürzlich vergangene Mission zu
erklären.
Ich kenn den. Denk ich mir. Ist ein Etappenlauf durch Marokko, Atlasgebirge, durch Berber-Dörfer rennen und so. So was Megabrutales halt - die ganz Zähen sind hier also auch am Start.
5 Minuten noch. Dann geht’s los.
Toilette. 3 Stück für 2.500. Ohne Spülung. Ich vergesse mein kleines großes Problem. Das später zu einem großen großen Problem werden sollte.
3,2,1…Peng. Prinz Willy gibt den Startschuss. Die rennen los wie beim 10 km Lauf in Ismaning. 7-8 Jordanier vorneweg. Was solls . Ich renn hinterher. Der nette Ami-Professor vom Hotel Foyer
schließt zu mir auf und wir rennen gemeinsam die ersten 12 Kilometer der Gruppe hinterher. Der Ami leichtfüßig. Sehr beeindruckend. Das Tempo ist natürlich viel zu schnell für mich. Und wiieee ich
das weiß und trotzdem kein Gas rausnehme. Ich schau nach unten. Gut sieht das aus. Da sind ja richtige Oberschenkel. Da baumelten vor 10 Monaten doch noch Ableger meiner Oberarme. Ich bin
motiviert, die Temperaturen zu dieser Uhrzeit bei 14 Grad. Ideal. Immer wieder kommt ein Auto des arabischen TV mit Kamera. Das verleitet mich natürlich zu noch mehr Tempo. Es nützt nichts. Ich
lass den Professor ziehen. Die nächsten Kilometer lauf ich mit einem offensichtlich fitten Libanesen. Wir unterhalten uns hin und wieder was gut tut und die Zeit vorbeiziehen lässt.
Es wird wärmer. Amman liegt schon lange hintermir. Die Landschaft wird monoton und eindimensional. Rechts Sand, links Sand. Die breite, komplett gesperrte Strasse wird immer kerzengerader.
Irgendwann lauf ich alleine. Dennoch bin ich überrascht. Nach dem ersten welligen Streckenabschnitt und langem, Kräfte zehrendem Downhill passiere ich in 1 Stunde 25 Minuten die Halbmarathon
Distanz. Alles super. Und mir geht’s ganz gut. Ich grüsse Soldaten am Straßenrand, rede mit den Ziegen, klatsche Hände der einheimischen Kinder ab. Es wird länger, die Leichtigkeit geht
mit zunehmender Hitze verloren. 50 Grad. Bestimmt. In der Sonne. Die ersten 20 Km denke ich nie an die Wasserverpflegung. Sie kommt halt alle 3 Kilometer und ich schnapp mir eine 0,5 Liter Flasche
trink sie halb leer und werfe sie weg. Irgendwann fang ich an ,500 Meter nach dem letzten Wasserstand ,schon an den nächsten zu denken. Die Intervalle werden immer kürzer. 2 Flaschen. Eine ganz
trinken, die andere über den Kopf. Und genau das sollte sich rächen. Das wertvolle Nass läuft langsam von oben in die Schuhe. Nach zweieinhalb Stunden gesellt sich zum Quälix Hitzestau noch Kollege
Blutblase. Der hat mir gefehlt.
Mein Darm grummelt. Ich bekomm leichte Magenkrämpfe. Die hätten mal lieber eine vierte Toilette am Start für mich aufgebaut. Zu spät – ich denk nicht mal daran ans Outdoor Geschäft.
Ich werde überholt. Von hinten kommt die erste Frau. Kraftvoll, locker sieht das aus. Sie zieht an mir vorbei. In meiner Verzweiflung versuch ich zu analysieren. Das sieht ganz klar ökonomischer
aus als bei mir, irgendwie flüssiger und vor allem – Sie ist schneller. Ich langsamer.
Es gibt weniger zu trinken als ich gerne trinken würde. Ausschließlich Wasser. Kein Iso, keine Bananen, kein Irgendwas.
Ich lauf mich aus der physischen Senke heraus. Die Kurve geht zumindest kurzweilig wieder hoch. Mit erhöhtem tempo kommt das Ziel langsam näher. Das Marathonziel. 42,195 Km. Aber es sind ja noch
mal 6,5 Km zu laufen. Meine Zeit für die klassische Distanz gibt mir neuen Auftrieb. 3 Stunden 12 Minuten. Ich schöpfe Hoffnung unter 4 Stunden ins Ziel zu kommen.
Diese endlose Strasse. Keine Zuschauer. Und ich dachte es geht bergab.
Wo denn? Der letzte Abschnitt ist flach mit bergauf und gerade wie ein Kondensstreifen. Im übrigen sehe ich das Ziel nicht. Das gibts doch nicht. Wie lange sind denn bitte 6,5 Km? Ich müsste doch
längst das Tote Meer sehen.
Mittlerweile überhole ich Läuferinnen und Läufer der vor uns gestarteten Läufe Halbmarathon und Marathon. Anhand der verschieden farbigen Starnummern erkennt man mich als Ultra-runner und feuert
mich an. Das tut gut und hilft. Der Blick auf die Uhr. 3 Stunden 40 Minuten. Nee das wird nichts. Noch 4 Km. Ich rechne. Ich schätze mein Schneckentempo auf 6 Minuten pro 1000 Meter. Verbockt,
versemmelt. Eine falsche Renneinteilung kombiniert mit dem dummen Fehler sich mit Wasser zuzuschütten.
Jetzt, ja da ist es ja. Erst 2000 Meter vor dem Ziel erkenne ich das Meer. Schon schön, aber eben total unscharf. Ich kann meine Optik auch nicht mehr auf scharf stellen. Hab wirklich alles
rausgeholt. Bei 4 Stunden eine Minute und 6 Sekunden sprinte ich übers Ziel als wäre ich die letzten 48 700 Meter so gerannt. Ich hab es geschafft. Alles löst sich auf!
400 Meter unter Meereshöhe. Eindeutig mehr Sauerstoff. Eine richtige Sauerstoff Kur.
Mein erster offizieller Ultramarathon. Ich bin ein Ultramann. Zumindest ein kleiner. Toll.
Unter 4 das wäre drin gewesen, das hätte ich packen können. Mensch Denis eine einzige Minute. Wo hab ich die bloß liegen lassen. Zweimal Pippi vielleicht. Die eine Gehpause beim Gel trinken?
Bei gesunkenem Puls Blick auf Dead Sea. Arabische Tanzmusik Beats hämmern aus Boxen. Die jordanischen Frauen legen Ihre Kopftücher ab. In der Tat: Das Tote Meer liegt WESTLICH von Amman.
Ich lass mich in einen breiten, weichen Stuhl fallen. Leg die geschundenen Beine hoch. Wie schön. Feinstes, rotes Samt.
„Siiiir! Sorrrry! You cannot sit here. Please stand up immediately! This is the Prince Raads chair.“
Sorry. Der Willy klar. Ich wunderte mich schon wieso nur ein Gepolsterter zwischen 300 aus Plastik.
Ach da drüben mein amerikanischer Freund. Der Herr Mathematiker aus Kairo. Frisch geduscht in Casual Wear. „Marc hey. How is it? Do you ran a good time? Are you satisfied?” – “Mhhh, its been okay.
My time is okay. Could be better!” – “Do you know your ranking?” – “yes I know. I won the race!”
2 Stunden und 57 Minuten. Teufelskerl. Er rollte die zu Anfang die vor ihm gelegen Jordanier nach und nach auf. Jeder einzelne von denen hat sich wohl abwechselnd die Zähne an Ihm
ausgebissen.
Im weiteren Gespräch erfahre ich, Marc Werner ist im Nationalkader der 100 KM Mannschaft der USA und hat Ultramarathons auf 3 Kontinenten gewonnen. Understatement. Und ich mach ne Welle wegen dem
einen Lauf hier bei dem ich dann am Ende Platz 20 belege.
Nach 3 Stunden herrlichem Relaxen, Energydrinks und Falafelsandwich geht’s Nachmittags mit einem Shuttlebus wieder zurück zum Startbereich nach Amman. Die ganze Strecke in umgekehrter Richtung in
10-facher Geschwindigkeit. Den Lauf Revue passieren lassen. Es gibt zumindest abwechslungsreichere Veranstaltungen.
Man muss das ganze wohl als Gesamtpacket aus Land, Leute und Kultur sehen.
Demnach.
Schön wars. Ich will das wieder machen. Die 100 Km von Biel ganz ohne königlichen Beistand.